Warum ist es am Rhein so schön
„Er durchbricht es und wankt nicht, die Felsen weichen ihm aus, und blicken mit Erstaunen und Bewunderung auf ihn herab“, beschrieb der klassisch-romantische Dichter Heinrich vonKleist auf einer Rheinreise 1803 den schroffen, rund 65 Kilometer langen Abschnitt zwischen Koblenz und Bingen. Keine Frage, das neue „UNESCO Welterbe der Menschheit“ gehört zu den schönsten deutschen Flusslandschaften.
Von den Gebietsansprüchen an Deutschlands längsten Strom und den damit verbundenen harten Kämpfen um den Rheinzoll zeugen die vielen Burgen links und rechts des Flusses. Die beiden unmittelbar nebeneinander liegenden Burgen Liebenstein und Sterrenberg hoch über Bornhofen lieferten den Stoff zu der bekannten rheinischen Sage von den zwei feindlichen Brüdern, die sich von ihren benachbarten Burgen aus bekriegten.
Der wahre Grund für die Vielzahl der Rheinburgen ist jedoch weit weniger sagenhaft. Ab dem 12. Jahrhundert verlangten die Burgherren für sich und im Auftrag der Erzbischöfe von den Kapitänen der Handelschiffe für deren Ladung aus Wein, Trauben oder Dachschiefer reichlich Rheinzoll. Die erhabene Lage am Berg sicherte Überblick und die massigen Mauern Machtgrenzen.
Eine der Paradeburgen war schon bald die Rheinfels bei St. Goar. Bereits 10 Jahre nach Baubeginn konnte die Burg 1255 gegen ein stattliches Heer des Rheinischen Städtebundes über ein Jahr lang erfolgreich verteidigt werden.
Durch den Bau der Burg Neukatzenelnbogen, kurz „Katz“ genannt, auf der anderen Rheinseite, konnten nun die Grafen eine wirksame Rheintalsperre ausüben. Das gefiel dem Erzbischof von Trier überhaupt nicht und stellte eine Burg dagegen, die aber kleiner als die Burg „Katz“ ausfiel, weshalb der Volksmund sie „Maus“ nannte.
Sagenhaft ist die nur 113 Meter breite Flussbiege am Loreley-Felsen…spiegelt sich da nicht die langmähnige Fee im Wasser, die einst den jungen Erbgrafen von der Pfalz und dessen Ruderknechte so betörte, dass die drei Nachen, mit denen sie unterwegs waren, am Ufer zerschellten.
Die Sage von der unheilvoll singenden Schönen erfand 1801 der Dichter Clemens Brentano. Doch erst die Vertonung von Heinrich Heines Ballade: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin…“avancierte zum dauerbrennenden Ohrwurm. Erich Kästner brachte den Loreley-Kult auf den Punkt: „Die Loreley, bekannt als Fee und Felsen, wo früher Schiffer mit verdrehten Hälsen, von blonden Haaren schwärmend, untergingen.“
Ein Besuch der kleinen Rheinorte mit ihren typisch schwarzen Schieferdächern und den Höhenburgen führt gleichsam zurück in die Jahrhunderte der Ritter und Romantiker.
Victor Hugo schreibt 1838 in sein Tagebuch einer Rheinreise:„Ein steinernes Schiff, ewig auf Rhein mit Pfalzgrafenstein und dem Rheine schwimmend, ewig angesichts der Pfalzgrafenstadt vor Anker liegend.“
Die Rede ist von der „Pfalz“, dem 1326 erbauten Pfalzgrafenstein, eine der seltsamsten Burgen der Welt und wegen der schiffsähnlichen Form ein Unikum. Erbauer dieser Zollburg war König Ludwig der Bayer. Der sich wegen überhöhter Zölle vor den Erzbischöfen am Rhein schützen musste, um an dieser strategisch günstigen Stelle weiterhin kräftig abzukassieren. Wer nicht zahlen konnte, kam ins Verlies, ein 9 m tiefer Brunnen mit einem Holzfloß. Die mittellosen Kaufleute blieben solange darauf, bis sie ausgelöst wurden.
Die alte Burg Gutenfels aus dem 13. Jahrhundert, hoch über Kaub gelegen, war 1806 für Napoleon ein Ärgernis. Er ließ die Befestigungswerke der Burg schleifen, weil er nicht gebührend mit Böllerschüssen begrüßt worden war. An Kaub mit seiner Pfalz hat sich Napoleon sicher erinnert, als in den ersten Januartagen des Jahres 1814 der preußische Feldmarschall von Blücher hier mit 60.000 Mann den Rhein überquerte um ihm nachzustellen.
Napoleon war geschlagen und das preußische Königshaus war „matt vor Seligkeit“ bei all den göttlichen Burgen und Felsen am Rhein. Die Prinzen Carl und Albrecht von Preußen erwarben Burg Sooneck, neben Rheinstein und Stolzenfels die dritte Rheinburg für die preußische Königsfamilie. Der Rhein wurde zum „Fokus allen Vaterländischen“.
„Wer will des Stromes Hüter sein? Lieb Vaterland, magst ruhig sein. Fest steht und treu die Wacht am Rhein“, dichtete 1840 Max Schneckenburger als Ausdruck eines fanatischen Patriotismus.
Hoch über Rüdesheim wacht das weithin sichtbare, monumentale Niederwalddenkmal, eine über 12 Meter hohe Statue der Germania, die an die Gründung des Deutschen Reichs 1871 erinnert. Zeugnis des Zeitgeistes im ausgehenden 19. Jahrhundert.
Rheinschiffer und Kaufleute, Bauern und Boten, sie saßen gerne in der Stube des Müllerschen Bauernhofs. Der stand seit 1727 in einem der alten Viertel von Rüdesheim in einer schmalen Gasse, die damals noch von vielen Buchen und Linden gesäumt war. Singvögel wie die Drosseln, liebten diese Bäume. So wurden aus dem Bauernhof die Gastwirtschaft Drosselhof und die Gasse zur Drosselgasse. Ein Lieblingsziel der Rheintouristen.
Am Beginn des Engtals oberhalb des Binger Lochs gelegen, kam Burg Ehrenfels eine wichtige strategische Bedeutung zu. Der Mainzer Erzbischof wollte sich so im 13.Jahrhundert gegen Angriffe von Norden sichern. Die Engstelle des Rheins eignete sich natürlich auch um kräftigen Zoll zu kassieren.
Unten im Rhein steht der sagenumwobene Mäuseturm, Rest einer Zollstation. Wenn es ganz still ist, aber wann ist das schon, vernimmt man vielleicht die schrecklichen Schreie des bösen, geizigen und raffgierigen Mainzer Erzbischofs Hatto, der in seinem überquellenden Kornspeicher von Nagetieren überfallen und seines irdischen Lebens beraubt wurde.
